Diese Folge ist der erste Teil der Reihe „Megatrend Achtsamkeit“ und es geht um die Grundlagen von Achtsamkeit: Was ist Achtsamkeit? Wo liegen die Ursprünge von Achtsamkeit? Was sind die 3 zentralen Dinge, die Achtsamkeit im Kern ausmachen? Wie funktioniert Achtsamkeit überhaupt? Zudem bekommst Du die Gelegenheit, eine Ein-Minuten-Achtsamkeitsübung auszuprobieren.

Das Thema Achtsamkeit ist in aller Munde. Wenn Du den Begriff „Mindfulness“ googelst, dann erhältst Du aktuell knapp 76 Mio. Treffer. Achtsamkeit hat es auf die Titelseite des Time Magazine geschafft. Auch in Deutschland widmen sich mittlerweile ganze Magazine wie z. B. die Happinezz und die Flow diesem Thema. Es gibt unzählige Bücher zum Thema und mittlerweile auch eine Reihe von Achtsamkeits-Apps. Zudem entdecken mittlerweile auch mehr und mehr Unternehmen das Potenzial von Achtsamkeit für sich – darunter große Konzerne wie Google, SAP und BASF.

Der Trendforscher Matthias Horx schreibt in seinem Zukunftsreport 2016: „Wenn selbst Mercedes seinen Mitarbeitern Mail-Zwangspausen und digitalen Urlaubs-Absentismus verordnet, dann ist das Thema Achtsamkeit in der Mitte der Wirtschaft angekommen. […] Bei diesen Programmen geht es nicht nur um Yoga oder Rückengymnastik. Es geht um die kognitive Selbst-Wirksamkeit.

Was ist Achtsamkeit?

Eventuell fangen wir sogar besser mit dem an, was Achtsamkeit NICHT ist:

Achtsamkeit ist weltanschaulich neutral – es hat nichts mit Religion oder Esoterik zu tun. Es bedeutet nicht, in einer idealisierten Welt zu leben, permanent gut drauf zu sein oder sogar den Kopf auszuschalten (denn das genaue Gegenteil ist dabei der Fall). Es bedeutet auch nicht, dass man ab sofort Bäume umarmen sollte. Es ist keine Entspannungstechnik, obwohl Entspannung tatsächlich ein Nebeneffekt von Achtsamkeit ist. Es ist nichts, was man erst Jahrzehnte praktizieren müsste, bevor man in den Genuss der Ergebnisse kommt. UND … GANZ WICHTIG: Achtsamkeit ist nichts, was man sich durch lesen aneignen könnte – Achtsamkeit muss erfahren werden, denn erst durch das Erleben kommt das Verstehen. Es gilt hier: Feeling is understanding!

So, und jetzt kommen wir zu dem, was Achtsamkeit ist:

Kurz und knackig auf den Punkt gebracht ist Achtsamkeit eine Form von wacher Konzentration, bei der man bewusst beobachtet, was im gegenwärtigen Moment ist, und zwar ohne das Beobachtete zu beurteilen. Achtsamkeit könnte man damit als eine Art mentale Meta-Kompetenz – als Bodybuilding fürs Gehirn – bezeichnen, da sie nachweislich die neuronale Struktur unseres Gehirns verändert. Sie hilft uns Menschen bei der Selbstregulierung – hin zu einem optimalen mentalen Zustand, bei dem wir frei von Angst sind und uns sicher, komfortabel und emotional ausgeglichen fühlen. Durch Achtsamkeit nehmen wir mehr wahr und wir sind viel aufmerksamer.

Achtsam sein bedeutet, innerlich einen Schritt zurückzutreten, damit man das Bild vom größeren Ganzen besser sehen kann. Es kultiviert das Handeln durch Nicht-Handeln und das Loslassen. Achtsamkeit verringert reflexhaftes, automatisiertes Verhalten und begünstigt das Lösen von Selbstsabotage-Programmen.

Und zuletzt noch zwei Punkte, warum Achtsamkeit gerade für Führungskräfte und Unternehmer von enormer Bedeutung sein dürfte: Achtsamkeit verbessert die Qualität von Entscheidungen, da man für Unstimmigkeiten, die bislang vielleicht gerne unter den Tisch gekehrt wurden, sensibler wird. Zudem werden Entscheidungen nicht mehr ausschließlich auf der Basis von bereits Gewusstem, sondern zunehmend auch auf der Basis von Neuem getroffen. Durch die Anwendung von Achtsamkeit bestimmt man den eigenen Kurs immer seltener durch den Blick in den Rückspiegel, sondern dadurch, das man nach vorne schaut.

Wo kommt Achtsamkeit her?

Achtsamkeitsübungen, wie wir sie heute mittlerweile an jeder Straßenecke vermittelt bekommen, gehen zurück auf uralte buddhistische Methoden, welche auf den Veden aus der Zeit zwischen ca. 3.000 bis 600 v. Chr. basieren und von Buddha (Siddhartha Gautama) um 500 v. Christus in Nordindien erstmals breiter gelehrt wurden.

In der Gegenwart wurde Achtsamkeit vor allem durch die Arbeit von Jon Kabat-Zinn populär. Er verknüpfte 1979 Vipassana-Meditationsübungen mit Yogaübungen zu einem 8-wöchigen Programm, welches er „MBSR – mindfulness based stress reduction“ nannte und dessen Auswirkungen er vielfach wissenschaftlich untersuchen lies.

Was sind die drei zentralen Erfolgsfaktoren von Achtsamkeit?

1. Erfolgsfaktor: Raus aus dem Autopiloten-Modus und ankommen im Jetzt

Unser Gehirn ist im Vergleich zu anderen Organen ein wahrer Energiefresser. Es ist für fast 20% des gesamten Energieverbrauchs unseres Körpers verantwortlich. Und genau deshalb liebt unser Gehirn die Effizienz: Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert, denn so lässt sich Energie sparen. Das hat Vor- und Nachteile, denn einerseits ist es enorm praktisch, wenn man nicht jedes Mal neu überlegen muss, wie man einen Wasserhahn auf- und zudrehen muss, da wirst Du mir sicher zustimmen. Andererseits bekommen wir so nichts von unseren unbewussten Programmen mit, mit denen wir uns sehr häufig auch noch selbst sabotieren.

Gleichzeitig produziert unser Kopf einen ständigen Strom von Gedanken – rund 60.000 pro Tag. Man kann also durchaus behaupten, dass wir schon allein mit Denken völlig im Stress sind. Die Krux ist hier, dass wir aufpoppende Gedanken aufgreifen, sie weiterspinnen und die so entstehende mentale Kettenreaktion sehr sehr oft in ein regelrechtes Gedankengewitter ausartet. UND: Während all das im Bewusstsein passiert, organisiert unser Unterbewusstsein das „Tagesgeschäft“ vollautomatisch. Ein Beispiel: Während wir uns in unserem Bewusstsein gedanklich z. B. mit der Vorstandspräsentation vom Vormittag beschäftigen, kümmert sich parallel dazu das Unterbewusstsein darum, dass wir uns beim Einschänken eines Kaffees nichts auf die Hose kippen.

Damit soll eins deutlich werden: Der Autopilot bestimmt wo es langgeht, während wir mit unseren Gedanken permanent entweder in der Zukunft oder in der Vergangenheit unterwegs sind – wir vom letzten Urlaub träumen, uns für einen schlechten Ausgang eines Verkaufsgesprächs verurteilen oder Ziele für die Zukunft schmieden.

On top führt dieser Funktionsmodus dazu, dass wir vollkommen mit unseren Gedanken identifiziert sind. Doch da, wo das Leben und die Realität stattfinden – im Hier und Jetzt, im gegenwärtigen Augenblick – da sind wir fast nie. Achtsamkeit ändert genau das: Achtsamkeit beendet den Autopiloten-Modus und bringt uns zurück ins Hier und Jetzt.

2. Erfolgsfaktor: Nicht anhaften & nicht urteilen

Normalerweise ist es so, dass uns unsere Gedanken und Gefühle mitreißen – ja, manchmal sogar wie ein Tsunami regelrecht überrollen, ohne dass wir dagegen irgendetwas tun könnten. Dabei wird all das, was uns da so in den Sinn kommt, bewertet und in Schubladen gepackt.

Wenn wir beispielsweise an das bevorstehende Bewerbungsgespräch am nächsten Tag denken, dann kommen sofort die nächsten Gedanken auf: Was ziehe ich an? Bin ich auch gut vorbereitet? Was ist, wenn sie mich nicht nehmen? Ist es eher gut, wenn ich das Gespräch pro-aktiv führe, oder eher negativ? Gleichzeitig werden möglicherweise unsere Hände feucht, unser Herzschlag beschleunigt sich, u. v. m. Diese Kaskade wiederholt sich bei uns tagtäglich viele tausend Mal – natürlich in ganz unterschiedlicher Ausprägung. Der Haken an der Sache ist nur, dass wir in den meisten Fällen schlicht keine Kontrolle über unsere Gedanken und unsere Gefühle haben. Und, dass die oftmals destruktiven Gedankenketten unser sympathisches Nervensystem triggern und unser Stresslevel erhöhen.

Achtsamkeit ändert genau das, weil wir bei Achtsamkeitsübungen alles beobachten, was sich im gegenwärtigen Moment zeigt – ohne uns von dem Beobachteten verstricken zu lassen und ohne das Beobachtete zu bewerten. So kann es dann beispielsweise sein, dass wir einen aufkommenden Gedanken wie z. B. „Die Zeit könnte ich jetzt echt besser nutzen, als hier doof rumzusitzen“ registrieren, ihn aber dann auch wieder – ohne ihn zu bewerten oder ihm zu folgen – einfach wieder wie eine Wolke davonziehen lassen und einfach nur weiterhin das tun, was wir gerade tun, nämlich sitzen und beobachten.

3. Erfolgsfaktor: Veränderung der Haltung, des Mindsets und der Kultur

Mit fortschreitender Achtsamkeitspraxis geht eine positive Veränderung des Mindsets und der Kultur einher – also der Glaubensmuster, der Werte und der persönlichen Überzeugungen. Das haben Dr. Ulrich Ott und Dieter Vaitl vom Institut für Psychobiologie und Verhaltensmedizin an der Justus-Liebig-Universität in Gießen bewiesen. In meinem Buch „Die Aktivierung des Weltinnenraums – Was Sie in sich selbst bewegen, bewegen Sie in der Welt“ berichte ich darüber ausführlich (Hier geht’s zum Buch. Hier geht’s zur Leseprobe). Gegenstand ihrer Studie, die im Oktober 2010 veröffentlicht wurde, war die Untersuchung von Menschen, die an dem sogenannten einjährigen „Timeless Wisdom Training” teilgenommen hatten. Durch das Programm fühlten sich die Teilnehmer am Ende authentischer und bei ihren Aktivitäten orientierten sie sich anschließend zunehmend an ideellen Werten wie beispielsweise dem Sinn.

Doch das ist noch lange nicht alles, denn der Shift des Mindsets, der sich durch Achtsamkeitsübungen vollzieht, ist weitaus umfassender – wie die nachfolgende Tabelle illustriert. So z. B. bewertet und analysiert der alltägliche Geist gerne, während sich der achtsame Geist dadurch auszeichnet, dass er eben nicht bewertet. Während der alltägliche Geist genau weiß, wie etwas geht, lässt sich der achtsame Geist überraschen. Während der alltägliche Geist etwas erzwingen will, lässt der achtsame Geist die Dinge lieber auf sich zukommen.

Schauen wir uns ein weiteres Gegensatzpaar noch etwas genauer an: Widerstand und Akzeptanz.

Achtsam zu sein bedeutet, den gegenwärtigen Augenblick, sich selbst oder einen bestimmten Sachverhalt so zu akzeptieren, wie er gerade ist. Das hat entscheidende Vorteile. Ein Beispiel: Viele Menschen, die tagsüber einen großen Workload zu bewältigen haben und unter Stress stehen, wachen manchmal mitten in der Nacht auf, können nicht wieder einschlafen und liegen dann u. U. sogar stundenlang wach. Was passiert da? Nun, in dem Moment, wo die Person aufwacht, geht sie in den Widerstand. Das was ist, nämlich wach sein, will sie nicht. Und das, was nicht ist, nämlich schlafen, will sie unbedingt. Dieser Widerstand führt dazu, dass sie anfängt, innerlich mit sich zu kämpfen: „Scheiße da! Ich musst jetzt wieder einschlafen! Ich werd sonst den morgigen Tag nicht überstehen!“ Und je mehr diese Person innerlich kämpft, desto mehr Stresshormone werden ausgeworfen und desto weniger kann sie einschlafen.

Wenn diese Person die Situation jedoch akzeptiert, dann unterbricht sie den Stresskreislauf, der Körper kommt wieder aus dem Kampf-Flucht-Modus heraus und beruhigt sich, das parasympathische Nervensystem wird wieder aktiver und schlussendlich kann die Person auch wieder einschlafen. Das Gute daran ist, dass dieses Prinzip auf jeden Stuck-State, also auf jeden festgefahrenen Zustand, und sehr viele Probleme übertragbar ist.

Ein weiteres Beispiel aus dem Berufsalltag: Stell Dir vor, Du hast in einem Projekt das Budget um 30.000 EUR überschritten. Das ist dann eine Tatsache – es ist bereits geschehen. Egal wie sehr Du dazu in den Widerstand gehst, Du kannst es nicht mehr rückgängig machen. Es nicht zu akzeptieren würde schlimmstenfalls dazu führen, dass Du es leugnest oder verdrängst, was dann dazu führen kann, dass Du das Budget noch weiter überziehst.

Es könnte sein, dass Du Meetings mit Deinem Vorgesetzten aus dem Weg gehst; aggressiv wirst und diese Aggression an Deinen Kollegen auslässt. Das Problem wird also nur noch größer. Akzeptanz würde anstatt dessen dazu führen, dass Du zeitnah klärende Gespräche anberaumst, Dir ermöglichst, aus Deinen Fehlern zu lernen und Dich weiterzuentwickeln. Dies zeigt: Akzeptanz ist eine zwingende Vorbedingung von Veränderung. Jeder, der sich oder eine Organisation verändern will, ist gut beraten, sich in Achtsamkeit und Akzeptanz zu üben.

Wie funktioniert Achtsamkeit?

Während wir Menschen üblicherweise im Autopiloten-Modus durch die Welt laufen und auf Reize direkt und völlig automatisch reagieren, lösen wir durch Achtsamkeitsübungen diesen Modus auf: Wir lassen eine Lücke zwischen Reiz und Reaktion entstehen, dehnen diese Lücke weiter auf und beobachten alles, was sich im gegenwärtigen Moment zeigt – ohne darauf zu reagieren: Gedanken, Gefühle und sonstige Wahrnehmungen. Dadurch können Programme, die bislang unbewusst abgelaufen sind, bewusst werden, was die Voraussetzung dafür ist, um sie z. B. als destruktiv erkennen und anschließend verändern zu können. So wirst Du Dir Stück für Stück dessen gewahr, wie Gedanken, Emotionen und Verhalten die Art und Weise beeinflusst, wie Du auf das Leben reagierst.

Diese Lücke eröffnet für Dich eine völlig neue Welt: Sie ermöglicht Dir, über das, was Du da so beobachtest nachzudenken, neu zu bewerten und so Deine Gefühlswelt, Dein Verhalten und Deine Entscheidungen aktiv zu verändern. Es entstehen so Schritt für Schritt neue Wahlmöglichkeiten – und mehr Wahlmöglichkeiten bedeuten gleichzeitig mehr Freiheit.

Wenn Du also Achtsamkeit praktizierst, dann ist das für Dein Gehirn wie ein Reboot – ein Neustart. Die Amygdala – ein Bereich in Deinem Gehirn, der für Emotionen, Stress und Ängste verantwortlich ist – wird weniger empfindlich. Die Kapazität Deines „Arbeitsspeichers“ nimmt zu und der linke präfrontale Kortex – der mit Glück und Entspannung zu tun hat – wird aktiver.

Mein Fazit lautet deshalb: Achtsamkeit ist nicht nur unglaublich kraftvoll, sondern auch extrem wirkungsvoll. Wer selbst am Steuer seines Lebens sitzen (und nicht nur der Illusion von Selbststeuerung erliegen) will, der sollte besser früher als später anfangen, Achtsamkeitsübungen in den privaten und geschäftlichen Alltag zu integrieren.

Von | 2017-09-04T20:11:35+00:00 5. September 2017|

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